Nach der Begrüßung der Teilnehmenden und der Verteilung der Namensschilder sowie der Unterlagen für den Tag, hielt Frau Christiane Berg einen Impulsvortrag über die nachhaltige Integration internationaler Pflege- und Gesundheitsfachkräfte in Hessen.

Im Plenum war man sich einig, dass die Anwerbung und Gewinnung internationaler Pflege- und Gesundheitsfachkräfte ein wichtiger Beitrag zur Fachkraftsicherung ist. Aufgrund der deutschen Bevölkerungsstruktur und der bekannten Alterspyramide müssten immer mehr Menschen in den verschiedenen pflegerischen Settings versorgt werden. Durch die steigende Lebenserwartung bei Männern und Frauen in Deutschland und der Hochleistungsmedizin in deutschen Kliniken werden immer mehr Pflege- und Gesundheitsfachkräfte gebraucht.

 

Dialogzirkel

 

Die professionelle Vielfalt von internationalen Pflege- und Gesundheitsfachkräften, wird als große Chance und Bereicherung gesehen. Gleichzeitig stellen sich die Träger und Einrichtungen zum Teil großen Herausforderungen bei der Anwerbung internationaler Pflegekräfte. Kultur, Freizeitverhalten, Familienloyalität und -Integrität zu allererst aber die Sprache, zeigen Individualität und Diversität. Das hohe Potential, welches in Vielfalt und Profession schlummert, muss geweckt und gefördert werden. Die Energie kann in Motivation, Effizienz, Fortbildungswillen oder auch Erlangen weiterer Sprachkenntnisse umgewandelt werden. Es liegt in der Verantwortung der integrierenden Einrichtung nun auf die Pflegefachkraft einzugehen und genau die Symbiose aus Arbeitsplatzangebot, Freundschaft, „Wir“-Gefühl, Zugehörigkeit und neuer Heimat darzustellen.
Die Mühen und Investitionen, die Zeit und das persönliche Engagement der MitarbeiterInnen bringen aber oft nur vorübergehenden Erfolg, wenn es nicht gelingt nachhaltig zu integrieren. „Nachhaltig“ meint dabei einen Zeitraum, der zumindest größer als 5 Jahre ist, letztendlich auch um die Ausgaben und Investitionen zu rechtfertigen. Die Arten der Vielfalt sind mannigfaltig und teilen sich in professionell und soziokulturell auf. Auf jeden Fall treffen wir auf Menschen, die neugierig und motiviert sind. Grundsätzlich verfügen sie über eine gute bis sehr gute Ausbildung – zum Teil auf akademischen Level.

 

Dialogzirkel

 

Die Anbahnung und Umsetzung der Anerkennung wurde im ersten Workshop durch Marcus Mossmann vorgestellt. Es wurden Fragen bezüglich des Niveaus, der Vergleichbarkeit, der Dauer und der Schwerpunkte internationaler Ausbildungen diskutiert und beantwortet. Was ist vergleichbar, was kann man übernehmen und wo besteht Nachhol- und Förderbedarf?  Wie kann ein Defizitbescheid des Regierungspräsidiums aussehen und was bedeutet er? Die nachhaltige Integration war Thema im zweiten Workshop (Christiane Berg), der auch an den letzten Dialogzirkel anknüpfte. Dieser stand unter dem Motto: „Wahrheit – Klarheit – Transparenz“ und hatte am Ende die Botschaft, dass Integration dann gelungen ist, wenn es keine Unterschiede mehr gibt.
Dieser Anspruch ist recht hoch, sollte aber das anzustrebende Ziel sein. Die Unterschiedlichkeit der Menschen nutzen und harmonisch miteinander im Kerngeschäft der Pflege, der Patientenversorgung, arbeiten. Das Finden der gemeinsamen Basis und der Umgangsmentalitäten trägt Früchte in der Dauer des effektiven Miteinanders. Schafft man dies, steht einer kreativen, menschlichen und motivierenden Zusammenarbeit nichts mehr im Wege!
 
Die Anerkennung der internationalen Pflege- und Gesundheitsfachkräfte fungiert letztendlich wie ein Schlüssel, da dadurch die Vertiefung der Zusammenarbeit auf Augenhöhe erfolgen kann. Wenn die deutsche Pflege- und Gesundheitsfachkraft weiß, was die internationale Pflege- und Gesundheitsfachkraft kann und darf und wo und wie gut die Ausbildung war, ist ein wesentlicher Baustein des Vertrauens gesetzt und das aufeinander verlassen können fällt wesentlich leichter. Als Grundvoraussetzung ist eine Verbesserung – von „B2“-Sprachniveau ausgehend – der deutschen Sprach-, Lese- und Schreibfertigkeit unabdingbar. Kommunikation als Grundstein der erfolgreichen Zusammenarbeit – vor allem auf die Langfristigkeit bezogen, denn wenn man eine Sprache gut und sicher beherrscht bleibt man lieber in dem Land, als wenn man sich nur unzureichend auf minimal Niveau unterhalten bzw. kommunizieren kann. Das Erlernen der Sprache kann ja auch Spaß machen, denn Lob und Erfolge sind mit jedem sicheren und richtigen Satz, Fachvokabular und gelungener Ausdrucksweise sicher. Hat sich eine internationale Pflegefachkraft zu Beginn des Aufenthalts in Deutschland noch auf unsicherem Sprachniveau bewegt, können doch die Meisten bereits nach wenigen Monaten wichtige medizinische Begriffe, längere Sätze und richtige Grammatikformen anwenden. Diese Entwicklung wird meist besser bewertet, als die eigentliche Arbeit mit Pflegebedürftigen.

 

Dialogzirkel

 

Die Investition in Sprachlernzeit ist mehr als lohnend. Die Möglichkeiten zur Teilnahme an Sprachkursen oder Einzelunterricht muss stets gewährleistet sein und ggf. auch als Arbeitszeit zählen. Von der Erweiterung der Sprachkompetenz profitieren alle Drei:
•    die internationale Pflege- und Gesundheitsfachkraft, die sich immer sicherer artikulieren kann,
•    der Arbeitgeber, dessen Investition Früchte trägt und der den internationalen Mitarbeiter langfristig an sich binden kann, der die internationale Pflegefachkraft spürt: da ist jemand, der sich m mich kümmert, dem ich nicht egal bin, der auf mich setzt und Geld für mich investiert und
•    der Pflegebedürftige, da hier Sprache und Kommunikation den Pflegeprozess deutlich einfacher machen. Der Pflegebedürftige kann sagen, was er/sie braucht und die internationale Pflegefachkraft kann sagen, was er/sie nun vorhat und machen will.
                         
In den interkulturellen Teams sollten Transparenz und der Austausch von Begegnungen auf „Augenhöhe“ stattfinden. Man kann voneinander und miteinander Lernen und natürlich auch miteinander gestalten. Sei es nun das „Come together“ Fest oder eine andere teambildende Maßnahme. Ziel ist es, dass internationale Pflege- und Gesundheitsfachkräfte eine multikulturelle pflegebedürftige Gesellschaft versorgen.

Aber was sind gute und geeignete Maßnahmen der Mitarbeitergewinnung und eine langfristige Bindung? Auch hier gibt es von der Gruppe verschiedene Ideen und Vorschläge, die von schlicht bis teuer das gesamte Spektrum der Bindung abdecken. Leider ist es oftmals so, dass große Krankenhäuser oder größere Alten- und Pflegeheime mehr Mittel und Möglichkeiten sowie einen anderen finanziellen Hintergrund haben als beispielsweise kleine ambulante Pflegedienste. Dadurch, dass niemand eine Garantie erhält, dass eine neu angeworbene internationale Pflege- und Gesundheitsfachkraft im Unternehmen bleibt, sind Investitionen immer mit einem gewissen Risiko verbunden. Bezahlt ein Arbeitgeber beispielsweise Sprachkurse oder eine Übergangswohnung zur Eingewöhnung, dann ist das Geld weg und sinnlos ausgegeben worden, wenn der internationale Mitarbeiter das Unternehmen wieder verlässt. Bleibe- oder Rückzahlverpflichtungen kennt man in der Regel außerhalb Deutschlands nicht und diese würden wahrscheinlich eher abschreckend für die internationale Pflegekraft wirken. Außerdem weiß man aus Deutschland, dass Pflegefachkräfte, die in einer Verpflichtung sind, das Unternehmen aber verlassen wollen, ihre Arbeitsleistung reduzieren oder öfter krank sind oder einen neuen Arbeitgeber finden, die die entsprechende Ablösesumme zahlen.
 
Die Offenheit eines Teams – sei es Krankenhaus, Altenheim, Pflegeeinrichtung oder im ambulanten Sektor – und eine entsprechend herzliche Willkommenskultur sind prägend für den ersten Eindruck und natürlich die Stimmung und Emotion für den neuen Kollegen. Ist das Team informiert und kennt Ausbildungs- und Wissenstand der neuen internationalen Pflegefachkraft wird man offener und vielleicht auch herzlicher sein, als wenn es um den neuen KollegenIn Geheimnisse und Unwissen gibt.  Wie schätzt man sein Gegenüber ein, was weiß man vom Herkunftsland und dessen Kultur, was muss beachtet werden, gibt es „No Go´s“ oder „Fettnäpfchen“ in die man treten könnte, wenn man sie anspricht oder nicht beachtet.
Ein Gesundheits- und Krankenpfleger aus Israel war jeden Monat traurig, wenn er seinen Dienstplan für den Folgemonat erhielt, der an sich normal und gesetzeskonform geschrieben war. Als ihn die Stationsleitung auf seine Frustriertheit ansprach, stellte sich heraus, dass er an Freitagen immer Dienst hatte, was ja in Israel der deutsche Sonntag ist. Mit anderen Worten: er hätte sich auch gern ab und zu ein freies israelisches Wochenende gewünscht. Man muß halt miteinander reden!

Letztendlich sind es auch die Erfahrungen, die deutsche Pflegende mit neuen internationalen Pflegefachkräfte machen. Ist man immer herzlich, tolerant, aufgeschlossen und offen, wird man mit der x-ten Abwanderung bzw. Kündigung dann nicht mehr dieselbe Energie für Neue aufbringen, wie es am Anfang der internationalen Neugewinnung der Fall war. Wir sind eben auch nur Menschen mit völlig normalen Wesenszügen. Aus Erfahrung wird man klug oder vorsichtig oder zahlt Lehrgeld. Dies ist für die Skeptiker und Kritiker der internationalen Pflegefachkraftgewinnung natürlich Wasser auf die Mühlen. Diese prangern die Mühen, das persönliche Engagement, Zeit und finanziellen Investitionen an, die dann umsonst gewesen sind. Aber nein: jede Investition, sei es Zeit, Geld oder das persönliche Engagement der MitarbeiterInnen lohnt sich, denn man wächst an Erfahrung und Wissen. Das klassische „Try and Error“ - Prinzip findet bei Menschen verschiedenen Herkunftsländern einfach nicht statt. Es gibt internationale Pflegefachkräfte, die wollen mit dem Team nach dem Dienst ein gemeinsames Feierabend Bier trinken, andere haben lieber ihre Ruhe und setzen sich abends zu Hause auf die Couch. Einige haben ein Profil in sozialen Netzwerken und freuen sich über jeden neuen „Freund“ oder ein „Like“! Manch einer lernt in jeder freien Minute Vokabeln und Grammatik, ein Anderer trifft sich mit seinen Freunden und lernt Deutschland kennen.

Nichts ist „richtig“ – nichts ist „falsch“! Kennenlernen, zuhören, zwischen den Zeilen lesen, offen sein, sich einlassen und ganz viel Empathie, Sympathie und ganz viel Individualismus sind der o.g. Schlüssel zum Erfolg nach langfristigen Mitarbeiterbindung im deutschen Gesundheitswesen.

 Haben Sie interkulturelle Kompetenz? Eine Frage, die von den Teilnehmenden nur bedingt positiv beantwortet werden konnte – auch weil man sich gar nicht sicher ist, was sich konkret hinter dem Begriff versteckt und welche Ausprägungen es im Leben der internationalen Pflegefachkraft hat. Es gibt Menschen, die reflektieren können, andere sind bei Kritik beleidigt und eingeschnappt. Leider sind viele internationale Pflegefachkräfte weniger als ein Jahr in Deutschland. Sehr positiv wird die Mentorenlösung bewertet, die als universal Ansprechpartner der internationalen Pflegekraft Unterstützung in allen Bereichen des Lebens in Deutschland bieten kann.

 

11 Juli 2019